Griess aktuell

  

(12.11.2020)

Fred Ape - Der große Kümmerer

Ein persönlicher Abschiedsgruß an einen großen Künstler

Fred Ape steht am Künstlerhimmel wie ein Polarstern, der den Weg weist. Ein Polarstern der Integrität. FRed Ape war ein großartiger Künslter und der sportlichste Liedermacher aller Zeiten. Als ich ihn kennen lernte, war ich schon lange sein Fan. Als Schüler hörte ich in den frühen 80ern erstmals seine Songs. „Im Laufe der Woche“, die Platte mit der Greenpeace-Hymne „Rettet die Wale“ und dem Song „Rauchzeichen“, den auch die befreundeten Cochise zum Hit machten und dessen Refrain wiederum Greenpeace als Zitat einer „Weissagung der Cree“ millionenfach auf Aufkleber druckte. Guerilla-Marketing in den 80ern! Freds Text kannte über den Aufkleber jeder, er wurde stilbildend, bis heute werden Variationen produziert(„Erst wenn das letzte Theater geschlossen…“). Fred war also in gewisser Weise weltberühmt in Deutschland. In Oberhausen waren wir schließlich beide Gäste in einer Mixed-Show, verstanden uns auf Anhieb so gut (was nicht selbstverständlich ist. Jeder, der mal ein Jugendidol kennenlernte, weiß, wie enttäuschend das sein kann), dass wir den ganzen Abend Backstage quatschten. Fred gefiel meine Art Satire so gut, dass er mich gleich fürs Cabaret Queue und später für alles Mögliche in Dortmund buchte. Ich holte ihn nach Köln und Bonn. Darüber hinaus traten wir immer, wenn es passte, auch zusammen auf: Auf Gewerkschaftsveranstaltungen, bei Kultur-Ämtern, beim Kölner Streithähne-Festival oder bei politischen Veranstaltungen gegen Rechts, bei Dortbunt oder der Friedenswoche… über die Jahre standen wir ganz schön oft gemeinsam auf der Bühne. Und Schlachtplatte – mein Ensemble-Projekt, bei dem jedes Jahr in wechselnder Besetzung 4-5 Solokünstler als Ensemble einen Jahresrückblick produzieren und auf Tour gehen: Jeweils im Dezember/Januar 30-40 Auftritte, im November schreiben und proben. Viel Holz in so kurzer Zeit. Wenn man sich so oft die Bühne, die Garderobe, das Auto teilt, lernt man sich nochmal ganz anders kennen. Ape/Feuerstein waren früher schon ab und an bei Schlachtplatte für ausgefallene Kollegen eingesprungen und wollten gern mal eine ganze Tour mitmachen. Das Problem: Außerhalb Dortmunds waren sie nicht unbedingt Stars. Es musste passen, auch mit den andern Künstlern. 2016–17 passte es dann: Zusammen mit Lioba Albus, Fatih Cevikkollu und mir gingen Ape/Feuerstein auf Deutschland-Tournee von den Wühlmäusen über Alma Hoppes in Hamburg und das Düsseldorfer Kom(m)ödchen bis in den Süden zum Münchner Lustspielhaus. Es war anstrengend, aber wunderschön, fast überall volle Hütte. Fred sagte öfters, die Tour sei wie ein Jungbrunnen für ihn, so viele Zuschauer hatte er nicht mehr seit den besten Tagen von Ape, Beck & Brinkmann. Wir fuhren also gemeinsam durch die Republik, übernachteten in Luxus-Hotels und abgerockten Kaschemmen, aßen gemeinsam vor und tranken gemeinsam nach der Show, betrieben Sightseeing im Odenwald, gingen zwischendurch auf dem Zahnfleisch, waren(laut Aussage sehr erfahrener Exilanten) das erste deutschsprachige politische Kabarett in Paris nach dem 2. Weltkrieg und erwischten trotz eines Islamisten-Attentats am Louvre und Ausnahmezustand in der Stadt in allerletzter Sekunde unsern Thalys zurück (am Abend spielten wir in Oberhausen), spazierten vor unserer Show durch Brüssel über den Grand Place zum Männeken Piss und aßen Waffeln, kurz: Wir schafften uns viele gemeinsame Erinnerungen. Und weil´s so schön war, hingen wir noch eine Saison hintendran, diesmal als Quartett zusammen mit Chin Meyer. Und das war nun von Form und Inhalt her eine der besten Schlachtplatte-Shows ever. Trump war in dem Jahr Präsident geworden. Wir spielten drei Cowboys und einen Indianer(Fred war der Indianer), die sich im Wilden Westen auf die Suche machen nach den letzten Guten machen und sangen dazu umgetextete Country-Songs von Johnny Cash(die später auch auf seiner CD „Es gibt immer eine richtige Seite“ erschienen). Dazu spielte jeder seine Solo-Nummern, doch es gab auch noch einige, grandiose Szenen zu andern Themen, die ich in jedem Best-of sofort wieder spielen würde: In der Einen spielten wir zum VW-Diesel-Skandal vier Grünen-Männer, die während ihrer Yoga-Übungen über ihre Autos sprechen(„Das ist ja ein SUV. Sogar ein Diesel-SUV!“ – „Aber ich fahr den ja so gut wie gar nicht.“), in der zweiten Szene vier Teufel, aufgestellt wie auf einem Gemälde Alter Meister, die darüber klagen, dass die Menschen inzwischen vor Verschwörungs-Theorien viel mehr der Angst haben als vor der Hölle. Dazu erschien die bis heute schönste Nachbesprechung in der Schlachtplatte-Historie, die an jubilierenden Kritiken wahrlich nicht arm ist (s.u., im Anschluss)
Fred war ein großer Künstler, aber Fred war vor allem auch ein so wunder- wie verständnisvoller, ein so warm- wie großherziger Mensch. Ob er in seinen Liedern die Welt vor dem ökologischen Kollaps, der Gier der Konzerne oder der menschlichen Dummheit retten wollte oder seine Stadt vor dem braunen Mob oder sich für seine Familienangehörigen, seine vielen Freunde und seine bunte Kollegenschar oder um seinen Fußballverein oder um das Queue engagierte - Fred war ein großer Kümmerer. Dabei wirkte er nie so, als habe er das Elend der Welt zu Schultern, sondern blieb immer cool und gelassen.
Viele von uns schätzten, mochten, liebten und verehrten ihn auch deshalb: Wo viele Andere auf der Karriere-Leiter auf jeder Stufe einen Teil der persönlichen Moral als Ballast abwarfen, blieb Fred voll bei sich und seinen Ansprüchen. Mainstream können gern anderen machen. „Mir doch scheißegal“, sagte er und lachte das Fred-Lachen, , anstatt sich für kommerziellen Erfolg oder Medien-Chichi krumm zumachen. Er war weder Heiliger noch Moralapostel, sondern lebensfroh und sinnlichen Genüssen durchaus zugetan. Er konnte hart(aber gerecht) in der Beurteilung der Arbeit anderer sein. Er hat alles Mögliche gesehen und lag mit seinem Urteil ja meistens richtig. Die Kunst musste der Rückzugsort des Schönen, Wahren, Guten bleiben, da kamen keine Kompromisse in Frage. Und noch was: Fred war frei von jeder Verbitterung - trotz einiger selbst durchlittener, harter Schicksalsschläge(die Krise ist der Normalfall) und Ausbleiben des hochverdienten Weltruhms. Er war viel zu lebenserfahren als sich die gute Laune verderben zu lassen. Auch das machte ihn für viele zu einem wichtigen, lebenserfahrenen, in sich ruhenden, guten Freund.
Der Ruhm: Schande über die Sender, die die Ape-Ohrwürmer ignorieren und stattdessen Nichtssager wie Silbermond und Giesinger das neue Deutschland berieseln lassen. Seine Lieder standen Jahrzehntelang in der „Liederbestenliste“, trotzdem liefen sie (so gut wie gar)nicht im Radio. Warum haltet Ihr eure Hörer für zu dumm für das Ape-Universum? In einem seiner Songs steckt mehr Kunst und Erkenntnis als in einem ganzen Selbsterfahrungs-Pop-Jahr. Wie oft habe ich erlebt, dass Zuschauer Fred nicht kannten, aber schon nach wenigen Takten seine Lieder mitsummten oder gleich laut mitsangen! Seine Lieder haben ganz oft Ohrwurm-Qualitäten, warum lasst ihr sie nicht auf die Menschheit los? Nun, die CDs sind da – vielleicht kommt ja noch was…
Freds Lieder sind Mutmacher, Identitästsstifter und intelligent-lustige Kommentare. Oft singt der Schalk im Nacken mit, oder ist es der Schelm? Auch der Tod wird besungen, frech, nahbar, lebensfroh(„Sonst gerne“). Ein wiederkehrendes Motiv in Freds Songs ist auch der Petrus-Test: Immer wieder kommt jemand ans Himmelstor, muss aber vor dem Eintritt noch ein paar Fragen von Petrus beantworten. Sollte Fred in diese Situation kommen, ist er zumindest darauf gut vorbereitet.
Ich bin kein Experte, aber würde sein Werk sehr grob in drei Phasen einteilen: Frühwerk, Hauptwerk, Spätwerk. Quatsch jetzt! Aber für Germanisten und Musikwissenschaftler gibt es einiges zu erforschen! In der Anfangszeit begleiteten Fred & Friends die Friedens-, Anti-AKW- und Lateinamerika-Solidaritäts-Bewegung. Seine Songs waren im besten Sinne Lagerfeuerlieder, Weltverbesserungs-Mutmach-Songs mit angemessenem Pathos der Zeit, Volkslieder im besten Sinne, die man damals Folk nannte. Zum Glück war er zu spät geboren für einen 68er, als Teil der next generation war er deshalb zeitlebens undogmatisch und mit unverstelltem Blick auf die Dinge, trotzdem klar links geprägt mit starken, humanistischen Idealen, die unabhängig vom Zeitgeist lebenslang seine Grundwerte prägten. Es folgte die satirische Phase mit „Hauptsache“, „Kernerland“, „Politikwissenschaft“: Einmal gehört, blieben sie einem unvergesslich. Schließlich das „Alterswerk“, welches bei Fred das Hauptwerk war: Er war so produktiv in den letzten Jahren, produzierte munter bei und mit Feuerstein eine CD nach der andern, die ihm das Publikum nur so unterm Gitarrenkoffer wegkaufte. Und auch auf den letzten Platten sind einige potentielle Klassiker: „2+2=5“, „Du hast nur Glück gehabt“ oder „Risikogruppe“ treffen den Nerv zur Zeit.
Letztes Jahr probierten wir Schlachtplatte als Duo, im Sommer standen wir bei „Ape und Freunde“ bei Ruhrhochdeutsch auf der Bühne und nächstes Jahr, nach Corona, wollten wir nochmal eine ganze Schlachtplatte-Tour machen. Wir wussten auch schon, wie wir Freds Rolle kreieren: Wir würden erzählen, er sei ein Straßenmusiker, den wir nachmittags in der Fußgängerzone aufgegabelt und spontan in die Stadthalle mitgebracht hätten. Das wäre eine super Tour geworden.
Lest seine Texte: www.fred-ape.de/texte
Hört seine Lieder!

https://bosco-gauting.de/nachtkritik/die-letzten-guten
Die letzten Guten
Veranstaltung: Schlachtplatte XI.: Die Endabrechnung 2017
Endlich! Es hat nach der großen Zeit der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ein paar Jahrzehnte gedauert, bis auch bayerisches Publikum wieder in den Genuss jener Form von Ensemble-Kabarett kommen durfte, wie sie Produzent Robert Griess unter der Überschrift „Schlachtplatte XI“ im bosco präsentierte: Der Kölner Griess war 2016 schon einmal als Solist in Gauting zu Gast („Ich glaub´, es hackt“) und hatte in der Stadt des Staus offenbar so gute Erfahrungen gemacht, dass er sich nun erneut südlich des Weißwurstäquators blicken ließ – gemeinsam mit drei anderen Kabarett-Kollegen, die sich im Laufe des Abends als Chin Meyer, Fred Ape und Guntmar Feuerstein entpuppten, ging es in Cowboy-Montur um die „Jahresendabrechnung 2017“, ein Programm, das die Vier anderntags auch im „Lustspielhaus“ als Matinee vorführen wollten. Warum also nicht vorher noch ein countrymäßiger Ausritt in die kulturelle Boomtown im Würmtal, um sich den Weg nach München frei zu schießen?

Es sollte tatsächlich ein einziger Triumph werden: Eine fulminante Mischung aus Solo-Nummern, Gruppenblödsinn, Musikzitaten und Politkabarett der guten alten Art, wie man sie eben seit den Tagen eines Sammy Drechsel (Regisseur und Co-Autor der „Lach- und Schieß“) nicht mehr erlebt hat – trotz Polt/Biermösl Blosn. „Schlachtplatte XI“ heißt das aktuelle Programm übrigens deshalb, weil sich die vier Herren schon seit elf Jahren immer wieder zusammen tun, um rund um den Jahreswechsel Bilanz zu ziehen und gemeinsam die Republik unsicher zu machen – dass sie sich in der ganzen Zeit noch nie bis nach Bayern vorgewagt haben, ist nichts Geringeres als eine furchtbare Unterlassungssünde. Seit Dieter Hildebrandt, Hans Jürgen Diedrich, Klaus Havenstein, Ursula Noack und Jürgen Scheller Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre messerscharfe Politsatire mit Typen-Kabarett und originellen Musik-Parodien zu einer einzigartigen Mischung verschmolzen, hat es so etwas wohl nicht mehr gegeben – besonders schön: Die vom aktuellen Toupet-Träger im Weißen Haus inspirierte America-First-Thematik erlaubt es dem Quartett, zu Johnny-Cash-Cover-Versionen, „High Chaparral“- und „Bonanza“-Motiven alles Mögliche aufs Korn zu nehmen, immer locker im Sattel mit Text und Musik balancierend. Fred Ape ist mit dem Namen „Der gegen den Strom schwimmt“ der einzige Indianer der Truppe, spielt zu Guntmar Feuersteins Banjo die Gitarre und besingt zusammen mit diesem Politikerkarrieren oder auch gelegentlich die Hoffnungen eines Vaters mit Töchtern im heiratsfähigen Alter - bezogen auf mögliche Schwiegersöhne geht der Refrain: „Hauptsache ist, dass es kein Banker ist...“

Ansonsten liefern alle Vier je nach Thema auch höchst originelle Neudeutungen bekannter Klassiker: Der aus Barcelona geflohene Separatisten-Führer Carlos Puigdemont intoniert z.B. „Don´t cry for me, Catalunya“, und zur Sinnkrise der EU kriegt man die „Hey Jude“-Zeile zu höen: „...make it better, better, better, better, Yeah!“ Eine Angela Merkel darf singen „Ein neuer Kredit bricht an“ (frei nach „Phantom der Oper“) und schließlich gar auf Ückermärkisch Edith Piaf zitieren: “Jö nö rögrätt riejäng!“ - herrlich. Während solche Nummern ausschließlich den Spaßfaktor bedienen (und den Akteuren selbst erkennbar großen Spaß bereiten), gibt es auch wirklich großartige Solo-Elemente: Robert Griess packt wie schon in seinen eigenen Programmen wieder den rheinländischen Proll aus, der „Reiche ärgern“ geht und gerne Elternabende in der Waldorf-Schule sprengt. Über SPD-Wahlplakate lästert dieser Typ im Duisburger Zuhälter-Outfit: „Hatte von der Ästhetik her eher was von Steckbriefen, nur die Belohnung war unklar“. So schön auf den Punkt gebracht hat noch keiner das Grunddilemma der aktuellen Sozialdemokratie. Zu viert wird dann auch noch in der „Arbeitsgruppe Yoga und Verkehr“ illustriert, warum die Grünen sich mit „total sauberer Brückentechnologie“ und Beschönigungen der Automobilhersteller à la „Blue Motion“ selber in die Tasche lügen. Nicht minder prägnant dürfte die AfD- Gauleiter-Sitzung sein: Einer schreit alle paar Augenblicke „Sieg Heil“, und die Anderen entgegnen bloß: „Jetzt noch nicht!“ Kein Wunder, dass Chin Meyer über den gefundenen Arier-Ausweis der verstorbenen Oma sinniert: „Vielleicht brauche ich den ja noch?“

Meyer war es dann aber auch, der mit seiner tollen Stimme und einer wirklich genialen Idee wieder für Auflockerung sorgte: Aus einigen Stichworten des Publikums zu Gauting (Hochhaus, Stau, Einbrüche) konstruierte er spontan und in Windeseile eine Art Gauting-Oper mit dramatischem Tenor-Gesang: Als er auch noch eine unter den Zuschauern sitzende Bankkauffrau und deren Laufbahn tremoliered in das ganze Knödel-Pathos einbaute, lagen die Leute geradezu unterm Tisch vor Lachen.

„Schlachtplatte XI“ ist ein großartiges Potpourri aus brillanten Soli, aus Duetten und „Gang“, eine geglückte Balance aus geschliffenen Texten, purem Blödsinn und entspannenden Cover-Nummern mit hohem Wiederkennungswert – all dies macht den Reiz dieser Cowboy-Truppe aus, die sich „die letzten Guten“ nennt und es sogar schafft, aus der Westernsong-Vorlage „Rollin´“ noch ein Lied gegen Sexismus zu drechseln: „Rohling, Rohling, Rohling...“ Endlich wieder mal was zum Schießen Komisches!






 
 

 
  
  

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27.11.2020
Braunschweig
Brunsviga

20:00 Uhr
Apocalypso, Baby!

28.11.2020
Windeck
Haus des Gastes

20:00 Uhr
Schlachtplatte

01.12.2020
Dortmund
Cabaret Queue

20:00 Uhr
Schlachtplatte

04.12.2020
Brüggen
Schloss Dilborn

20:00 Uhr
Hauptsache, es knallt!

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